Wo die Solinger arbeiteten…

Solingen/ Das System Fabrik bekam in Solingen und seiner Schneidwarenproduktion erst um die Jahrhundertwende bis zum ersten Weltkrieg eine wirkliche Bedeutung.

Foto: P. Nied

1903 gab es in Solingen 273 Firmen mit 10.200 Beschäftigten. Als in den 1920er Jahren die ersten Schleifmaschinen in Solingen eingesetzt wurden, gab es noch Schwierigkeiten mit den Ungleichmäßigkeiten im Rohmaterial. Aber auch solche Schwellen gehören bis heute zur Modernisierung der Herstellung. Und immer wieder schafft man es in Solingen weitere neue Technologien einzusetzen und damit zu produzieren. Nach dem zweiten Weltkrieg sorgte die weitere Mechanisierung zwar für eine höhere Produktivität, die Produktion jedoch sank von 1959 bis 1989 um beinahe 50%. In diesem Volumen ist dann aber auch der Rückgang der Taschenmesser und Bestecke beinhaltet.

So hat sich, wie in anderen Branchen auch, die Herstellung Solinger Schneidwaren vollkommen verändert. Messer oder Scheren brauchen auch heute immer noch eine bestimmte Bearbeitung von erfahrener Hand aber auch neue Verfahrensweisen hielten Einzug in die traditionellen Fabriken mit den alten Solinger Namen.

Heute gibt es ganze Fertigungseinheiten oder sogenannte „Straßen“. Messer werden auf Robotern geschliffen und gepliestet. CNC Maschinen werden eingesetzt und sogar der Abzug (das Schärfen) wird maschinell erledigt. Das hat Arbeitsplätze vernichtet, aber auch neue Arbeitsplätze hervorgebracht. In Solingen wurde auch das Stauchschmieden für Schneidwaren eingeführt. Hier werden Stahlstücke auf Temperatur gebracht und in Form gestaucht. Kein Lärm durch Fallhämmer, keine Hitze durch direkte Nähe zum heißen Werkstück und die Verletzungsgefahr ist enorm gesunken. Der Qualität tut das ebenso keinen Abbruch.

Die Geschichte der Zulieferbetriebe der Solinger Schneidwarenindustrie bekam erst mit der Industrialisierung und der Herstellung von Massengütern ein richtiges Gewicht. Denn außer dem Stahl für die verschiedenen Schneidwaren, waren da auch noch die vielen Bereiche der Verpackung und Lederverarbeitung. Neben Hilfsmitteln wie Fett, Schmirgel, Schleifsteine und Materialien für Heftschalen (Holz, Hirschhorn, Knochen usw.), spielten Druckerzeugnisse und Verpackungen eine wesentliche Rolle bei den Zulieferbetrieben. Das meiste wurde vor Ort hergestellt und an die Schneidwarenfabriken geliefert. Das war neben den Schneidwaren noch einmal eine ganze Branche für sich. Es war eine Welt der Vielfalt. Eine Welt von verschiedenen Einlegern, Anhängern und Aufklebern. Die Manikürhersteller brauchten Leder Etuis, und Streichriemen für Rasiermesser waren ebenso aus Leder wie Messerscheiden. Neben den bedruckten Erzeugnissen gab es das Papier zum Verpacken. Scheren kamen in dreieckige Papiertüten, Rasier- und Taschenmesser in kleine Pappkartons. Werbebroschüren, Kataloge und Preislisten mussten gedruckt werden. Messerstulpen waren aus Pappe und Bestecke waren aufwendig verpackt.

Es dürfen auch nicht die Metallteile vergessen werden. Millionen Schrauben für Scheren wurden benötigt, sowie Nieten und Stifte für Messerschalen.
Heute verwenden die Solinger Schneidwarenfirmen immer noch viel Verpackung, aber der Trend ist eindeutig weg von Pappe und Papier zu Blistern aus Kunststoff. Aber auch hier ist die Zeit nicht stehen geblieben und unter dem Druck der Globalisierung kommen viele Druckerzeugnisse heute aus Polen und Tschechien.

Unverzichtbar sind Zulieferer geschmiedeter Ware und Stahl. Die 1882 gegründete Stahl Krebs KG beliefert mit Edelstahl nahezu alle Hersteller von Scheren und Messern in Solingen. Auch die Gesenkschmiede Kirschner in der Südstadt hat vorwiegend die Schneidwarenindustrie als Kunden. (Quelle: epubli Verlag, Die Klingenstadt Solingen)

Seit den 1920er Jahren hat sich auch in Solingen das Bild der produzierenden Betriebe ständig verändert. Betriebe wurden geschlossen oder verlagert. Produkte wurden unmodern oder von mechanisch auf elektrisch umgerüstet. In allen Branchen unterlagen die Unternehmen dem marktwirtschaftlichen Gesetz von Angebot und Nachfrage. Weitsicht war in den Chefetagen gefragt, wurde jedoch durch eindeutigen Nachweis von Fehlentscheidungen oft glatt verpasst. Bei der Löschung vieler Firmen in Solingen fällt auf, wie verschieden die Branchen waren. Und es fällt auf, dass viele Solinger Firmen, so im Bereich der Lebensmittel, den wirklich Großen der Branche weichen mussten. Prozesse der Fertigung wurden konzentriert, oder es wurde verlagert. Auch Fusionen mit Branchenführern taten einigen Firmen in Solingen nicht gut (siehe Kieserling oder Krups).
Krups hatte als Hersteller von Haushaltgeräten mit einer Belegschaft von 1.200 Mitarbeitern (Standort Solingen) mehr Mitarbeiter als manche Schneidwaren-Fabriken.

Und was gab es noch für Unternehmen in Solingen? Wo arbeiteten unsere Eltern und Großeltern?

Die Solinger Brennerei Bruchhaus gab es bis Anfang der 1980er Jahre in Merscheid. Gegründet wurde der Familienbetrieb ca. 100 Jahre vorher.
Der klare Korn, im Volksmund auch Brökes genannt, war gekühlt genießbar. Was sich der Erfinder jedoch bei dem DB gedacht hat, steht für immer in den Sternen, die man danach sah. Bei dem, in Solingen Drietloksbitter genannt, Gesöff handelte es sich um eine Mischung aus Korn und Boonekamp.
Überhaupt schienen die Solinger eine Vorliebe für solche Gaumenschmeichler zu haben. So gab es in den 1920er Jahren auch noch die Firma Kassenberg Edel Liköre auf der Gerichtsstr. 13 mit eigener Dampfdestillation und die Likörfabrik Wüstenhagen.
Ganz aus der Rolle fiel die Solinger Geldschrankfabrik. Inhaber Lorsbach fertigte in Solingen Panzerschränke der Marke Verbörg für Banken und Industrie.

Das Bier braute die 1753 gegründete Brauerei Beckmann. Beckmann hatte eine Vielzahl an Immobilien mit Gaststätten und half über Verträge bei der Einrichtung der Gaststätten. Von Beckmann wurde 1899 die Ohligser Aktienbrauerei OP gegründet. Die Vereinsbrauerei Höhscheid ging mit der Produktion in den 1920er Jahren in den Beckmann Betrieb über. Die Brauerei Beckmann an der Schützenstraße stellte ihren Betrieb 1989 ein und der Betrieb bei OP in Ohligs endete 1991.

Bereits 1895 gründete Karl Breithaupt die Solinger Schirm- und Spazierstockfabrik. Spazierstöcke aller Ausführungen wurden in dem Walder Unternehmen gefertigt.

Die Merscheider Firma Wilhelm Morsbach war in den 1920er Jahren eine der vielen Fabriken in Solingen, die den Fahrradfabriken zulieferten. Das war ein ganzer Industriezweig.

Oskar Jenisch fertigte Schrauben und Muttern in der Südstadt an. Auch Jenisch lieferte an die Solinger Fahrradfabriken. In Wald war in den 1920er Jahren die Heimat vieler kleiner Betriebe So wurde im Jahre 1872 bereits die Fa. Hüsmert & Co. gegründet. Die kleine Fabrik stellte Reisetaschenbügel her. Im gleichen Zeitraum fertigte die Fa. Emde & Meissner am Weyer Platten und Zwingen für Schirme und Spazierstöcke. Spezialisiert auf kaltgezogene Rohre war die Fa. Rudolph Klein in Wald. Gefertigt wurden Lenkstangen für Fahrräder.

Rohre für Fahrräder und Kinderwagen stellte die Fa. Hermes in großen Stückzahlen her. Seit 1843 gab es die Fa. Dültgen & Koch in Solingen Wald. Das Unternehmen führte eine große Auswahl an Koffer-Schlösser und Beschläge sowie Beschläge für Kinderwagen.

Ihre eigene Geschichte haben auch die Schlachthöfe. Als 1901 die Stadt Ohligs den sogenannten Schlachthofzwang einführte, nahm man einen eigenen Schlachthof an der Hildenerstraße in Betrieb. Die Stadt Solingen hatte zu dieser Zeit schon einen Schlachthof. Der war in der späteren Badeanstalt an der Birkerstraße. Später wurde Anfang des 20. Jahrh. ein neuer Schlachthof am Nordbahnhof eröffnet. Bis zu seiner Schließung gab auf Solinger Gebiet nur noch den an der Hildenerstraße. Aus der Zeit der Schlachthöfe stammt auch noch die Freibank. In Solingen gab es einen solchen Laden noch bis Ende der 1970er Jahre dem Mühlenhofkino gegenüber. Hier wurde billiges und qualitativ grenzwertiges Fleisch für ganz kleines Geld an arme Leute verkauft. Eine Firma zur Weiterverarbeitung von Frischfleisch gab bis in die 1980er Jahre neben der Ziegelei am Stübchen. Die Fa. Meistergut wurde später nach Stöcken verlagert. Und wesentlich unappetitlicher war ein kleines Unternehmen am Nöhrenhaus. Hier lag, gut versteckt vor der Öffentlichkeit, eine Pelztierfarm. Gezüchtet wurden hier verschiedene Arten von Marder und andre Pelztiere.

Ein ganz besonderes Unternehmen produzierte an der Kullerstraße. Es war die Firma Stratmann. Hier wurde Senf und Essig hergestellt und war in der ganzen Stadt bekannt. Der Senf gehörte überall dazu und war bei den Solingern sehr beliebt. In den Kneipen standen auf der Theke vielfach Pferdewürstchen oder Frikadellen. Dazu gehörte bis in die 1970er Jahre selbstverständlich der in Solingen hergestellte Senf von Stratmann.
Bis weit in die 1970er Jahre produzierte Helmut Winnenbrock in Aufderhöhe Krawatten. Das Unternehmen lag auf der rechten Seite in Richtung Landwehr. Die Schlipse der Marke Fabio waren von hoher Qualität und ein Arbeitsplatz bei Fabio war bei jungen Frauen sehr gefragt.

Einmalig auch die Fa. Karl Wieden an der Scheffelstraße in Ohligs. 1905 gegründet verkaufte die Fa. KW Feuerzeuge in die ganze Welt. Neben schicken Gasfeuerzeugen war das Sturmfeuerzeug der Firma ein Renner. Das Unternehmen schloss 1980 nach dem Konkurs.

Auch eine eigene Molkerei hatte Solingen. Die Molkerei Eckstein, später Milchwerke Bergisch Land, verarbeitete an der Eintrachtstraße Milch und Milchprodukte. Der Betrieb lief auch unter der Bezeichnung einer Käserei und arbeitete zeitweise auch mit einem Milchbetrieb Hommerich in Opladen. Eckstein gab es von 1950 – 1974 in Solingen. Von hier kam auch die Milch für alle Solinger Schulen.

Selbst eine Tapetenfabrik hatte Solingen. Der Betrieb produzierte an der Neptunstraße in Ohligs. Später änderte sich die Rechtsform in: SOLO – Tapetenfabrik und Märkte GmbH. Aber auch die Solinger Papierindustrie produzierte hinter dem Neumarkt an der Bergstraße. Wir bleiben bei der Produktion von Papier in Solingen. Hier schreibt die Papiermühle an der Wupper eine lange Geschichte. Es besteht Anlass zur Vermutung, bereits um 1500 sei eine Papiermühle existent gewesen, möglicherweise gegründet von Mönchen des (oft „moderner“ als der damalige Macht-Klerus denkend) Zisterzienserklosters Altenberg – ein Schlupfwinkel für geistige Aufsässigkeit gewissermaßen – wie später auch ! (Quelle Jagenberg). Johann Ferd. Wilh. Jagenberg, hatte 1826 die Papiermühle gekauft und weiterbetrieben. Immer wieder wurden neue Maschinen angeschafft und Produktionsprozesse modernisiert. Der Druck großer Papierfabriken war jedoch zu groß. Vor nunmehr über 30 Jahren schloss das Unternehmen seine Produktion.

Ein weiteres Unternehmen fand seinen Anfang in Solingen, die Produktion wurde von der Beethovenstraße in eine Nachbarstadt verlegt und erlangte schließlich Weltruhm. BKS. Die Firma für Schlösser, Schließzylinder und Schließanlagen wurde im Jahre 1903 von Adolf Boge und Fritz Kasten als Rheinische Türschließerfabrik Boge & Kasten GmbH gegründet. In den Gründerjahren lag das Unternehmen an der Klemens-Horn-Straße. Nach einer Fusion hatte BKS seinen Sitz in Velbert und ab 1983 produziert das Unternehmen in der Gretsch Unitas Gruppe in Ditzingen mit über 600 Beschäftigten.
Für eine enorme Produktionsvielfalt sorgten auch schon sehr früh die Genossenschaften. Da hat die Rheinisch Bergische Konsumgenossenschaft „Hoffnung“ in den 1920er Jahren eine interessante Statistik vorzuweisen. Von den 50.000 Mitgliedern lebten 7.000 im Großraum Solingen (die heutigen Stadtteile). Von allen Einrichtungen lag eine der Großbäckereien sowie eine Limonadenfabrik und ein Zentrallager in Ohligs.

Weit entfernt von Fabriken für Messer, Scheren und Blankwaffen lag ein Industriezweig in Solingen, der über wenige Jahrzehnte sehr ausgeprägt in seiner Produktion war und enorm viele Beschäftigte hatte. Es geht um Fahrräder Made in Solingen. Die Firma WKC (Gebr. Weyersberg & W.R. Kirschbaum) stellte Blankwaffen und andere Metallerzeugnisse her. Mit der Marke Patria stellte WKC ab 1898 ganze Fahrräder her. Sogar Autos baute WKC zwischen 1899 und 1901 in Solingen. Zeitweise wurden bei WKC bis 100.000 Räder hergestellt. 1953 wurde die Produktion von Fahrrädern eigestellt.
Ebenso emsig war die Fa. Robert Hermes die sich 1857 als Waffenfabrik gründete. Das, an der Zweigstraße angesiedelte, Unternehmen produzierte ab ca. 1884 Teile für Fahrräder und später ganze Hochräder. 1985 wurde Konkurs angemeldet und 1988 wurde die Firma abgerissen.
Im Jahre 1913 waren in der gesamten Solinger Fahrradindustrie über 1. 800 Arbeiter beschäftigt. (Quelle: LVR)

Auch eine Fabrik für Haushaltgeräte hatte Solingen. Und es war eine Firma die in der ganzen Welt ihren Namen hatte. Über 1.200 Mitarbeiter hatte Krups alleine in seinen drei Werken in Solingen. Gegründet von Robert Krups im Jahre 1846 stellte die Firma zunächst ausschließlich Waagen her. Mitte der 1950er Jahre begann Krups mit der Produktion elektrischer Geräte. Von der Kaffeemühle wurden im ersten Jahr über 1. Millionen Geräte hergestellt. Es folgten Kaffeeautomaten und Allesschneider. Beinahe jedes neue Gerät wurde zum Selbstläufer. Noch im Jahr 1990 hatte Krups einen Umsatz von 541 Millionen DM. Es folgte ein Verkauf an den Mitbewerber Moulinex. Der Franzose meldete Konkurs an, in Solingen wurde die Produktion eingestellt. Heute gehört die Marke Krups zur französischen Unternehmensgruppe SEB. Die Fabrikationsgebäude der Fa. Krups wurden alle niedergelegt. (Quelle: Archiv Henning Paul)

Auch heute produzieren in Solingen neben der Schneidwarenindustrie noch viele mittelständische Unternehmen mit den verschiedensten Produkten.
Solingen kann sogar Handschellen.

Foto: Peter Nied

Bekannt sind vielen Solingern auch noch die Ziegeleien in den Stadtteilen Höhscheid, Gräfrath und Merscheid. Die Ziegelei an der Katternbergerstraße förderte mit einer Lore den Lehm direkt aus einer Grube hinter den Gebäuden der Ziegelei. In den 1980er Jahren wurde der Betrieb am Stübchen eingestellt. Die Gebäude sind niedergelegt und die tiefe Grube ist noch zu erkennen.

Fabriken zur Herstellung von Brillen gab es in Solingen gleich mehrere. Am Stöckerberg lag die Solinger Brillenfabrik. Eine moderne Produktion hatte die Fa. Atrio an der Grünbaumstraße. Die Rohlinge wurden ausgestanzt und getrennt von den Bügeln umgeformt. Später folgte die Montage ohne Gläser.
Bei Abler in Ohligs wurden ganze Rasenmäher produziert und an der Brühlerstraße, später an der Schützenstraße, gab es die schwarze Limo aus den USA. Für Kinder war es immer wieder ein toller Anblick, wenn man der Cola Becker Abfüllanlage durch ein großes Fenster an der Brühlerstraße zuschauen konnte. Dann liefen tausende von Flaschen durch die verschiedenen Stationen bis der Deckel drauf war.

Sogar Schirme mit bekanntem Namen wurden in Solingen hergestellt. Neben Kortenbach & Rauh mit ihren „Kobold“ wurde auch der „Knirps“ am Weyer in Solingen-Wald produziert. Nach dem Zusammenbruch der Fa. Bremshey wurde deren Marke „Knirps“ ab 1982 von Kortenbach & Rauh in die eigene Produktion von zusammenklappbaren Schirmen übernommen. Die Produktion wurde 1999 eingestellt.

Gut vierzig Jahre früher könnten sich unsere Leser jetzt bei einem echten Kaffee aus Solingen zurück lehnen. An der Rathausstraße (heute ein Gebrauchtmöbel-Laden) wurde bei der Fa. Löhmer Kaffee geröstet, abgepackt und verkauft. Viele alte Solinger Restaurants führten den Kaffee aus der Südstadt. „Eines das ist klar, Löhmers Kaffee wunderbar.“

Erstellt von am 07.04.2017.

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