Finger weg, da wirste blind von

Peter_Prost_3In den unendlichen Tiefen meiner antiquarischen Bücherregale fand ich ein Schätzchen. Das 1895 verlegte „Buch der Mütter“ erschienen im Verlag Abel & Müller in Leipzig. Das Buch mit dem Untertitel „Eine Anleitung naturgemäßer leiblicher und geistiger Erziehung der Kinder“ gehörte einer Solinger Fabrikanten-Gattin und wurde 1978 auf dem Zöppkesmarkt gekauft. Die Autorin war für die damalige Zeit eine emanzipierte Frau und schrieb aus Sicht ihrer Kritiker äußerst Fortschrittlich.

Schauen wir einmal in das Buch und lernen wir die Sicht der Dinge im Jahr 1895. Durchaus fortgeschritten las sich die Anleitung zur Zahnpflege für die Kinder. Kreisende Bewegung mit der Bürste, nicht mal schnell von rechts nach links. Der Tipp zum Casting eines Kindermädchen bereitete schon leichte Schnappatmung beim heutigen Leser. Besagtem Kindermädchen oblag „die Wartung“ des Kindes. Das Kindermädchen sollte Gehorsam und unverdorben sein. Angeraten wurde auch eine Alterspanne zwischen 30 und 40 Jahren. Da hätten die Kindermädchen schon einen abgeklärteren Blick und würden sich nicht so schnell mit den Schutzbefohlenen solidarisieren.

Dann folgte noch ein äußerst aufschlussreicher Tipp für den Alltag wie die Mutter sich das Kindermädchen vorzustellen hat:“ Sie muss wünschen, dass es gelehrig und gewandt sei, dass es gehorsam, endlich dass es in sittlicher Beziehung vollkommen unverdorben sei und bleibe, damit sie ihm das Kind zu Spaziergängen ruhig anvertrauen kann und nicht Gefahr laufe, dass es statt der reinen frischen Himmelsluft den verpesteten Dunst einer Schenke einatmen muss, in welcher, wie das nicht selten geschieht, das Kindermädchen seinem Liebhaber ein Rendezvous gibt und wobei die Ungeduld des Kindes oft durch Gaben von Bier, Wein oder gar Schnaps, schlechter Wurst, Käse und dergleichen beschwichtigt wird.“

Im Kapitel „Krankheiten des Jugendalters“ finden wir schließlich zwischen Blähungen und Durchfall die Onanie.

Dieser Schweinkram erhält ganze drei Seiten im Buch und wird wie folgt skizziert:

„…Es hält schwer, mit Gewissheit zu erkennen, ob ein Kind sich diesem heimlichen und in seinen Folgen so schädlichen Laster ergebe…Die Merkmale, aus welchen sich mit einiger Sicherheit auf eine Angewöhnung dieses Lasters schließen lässt, sind folgende: das Kind magert auffallend ab und nimmt eine bleiche, ins gelbliche oder Graue spielende Gesichtsfarbe an, seine Lippen werden blass, um die eingesunkenen, nichtssagenden, gläsernen Augen lagern sich bläulich-graue Ringe, der Blick ist unstet und scheu; der Onanist strahle nicht Zuversicht aus, sondern schlägt die Augen nieder…Der jugendliche Sünder ist missmutig, ängstlich und niedergeschlagen…Es zeigen sich Unachtsamkeit, Trägheit und Gedächtnisschwäche…Etwas sicherer lässt sich auf Ausübung der Onanie schließen, wenn ein Kind länger im Abtritt verweilt als notwendig erscheint…Bei begründetem Verdachte oder durch Ertappen der That übergebe man solche Kinder der Behandlung eines älteren erfahrenen Arztes…Die Folgen der Onanie sind Körper- und Geistesschwächung, Appetitlosigkeit oder widernatürliche Gefräßigkeit, Veitstanz, Epilepsie, Bettnässen und vieles andere mehr…“

Die Literatur hat zum Thema aber auch noch ein paar Ratschläge:“Matratzen mit Seegras und die Hände vor dem Einschlafen immer auf die Bettdecke…unzüchtige Mädchen beschäftige man zur Zerstreuung tüchtig im Hauswerken…“

Erstellt von am 27.02.2017.

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