Damals nach dem Krieg: Wir fahren in Erholung

Solingen/ von Peter Nied – An ein Wirtschaftswunder dachten die jungen Nachkriegsehen ganz bestimmt nicht. Die Wohnverhältnisse waren eng und nass. Oft teilten sich zwei Familien eine Wohnung im Keller, auf dem Speicher oder in einer Baracke.

In den Nachkriegsjahren organisierten die Wohlfahrtsverbände Erholungsfahrten für die Kinder / Foto: privat/Nied

In den Nachkriegsjahren organisierten die Wohlfahrtsverbände Erholungsfahrten für die Kinder / Foto: privat/Nied

Was zu Beginn der 1950er Jahre bis Ende des Jahrzehnts absolute Priorität hatte, waren die Kinder. Vorrang hatten die Kinder im Vorschulalter. Wie unsere beiden Solinger, Walter und Paul, beide Jahrgang 1949. Das Zauberwort hieß Erholung. Über einen Zeitraum von sechs Wochen ging es in die Natur. Sport und Spiel standen hier ebenso auf dem Programm wie ausreichend und gesundes Essen. Durchgeführt wurden diese Urlaube durch Wohlfahrtsverbände und ähnliche Träger.

Beantragt hatten die Väter von Paul und Walter die Erholungen an ihren Arbeitsplätzen bei den Firmen Oswald Forst und Osberghaus (heute Wilkinson). Aus den Unternehmen heraus wurden die Anträge an den Arbeitgeberverband weiter geleitet.

Bereits im Jahr 1949 ging es für 30 Solinger Kinder für drei Monate nach Holland zur Erholung. Die Kinder kamen dort in evangelische Familien, deren Eignung vor Ort geprüft wurde. Der Veranstalter in Solingen war das Evangelische Hilfswerk.

Walter und Paul fuhren bis zu ihrer Einschulung im Jahre 1957 mehrere Male ins Sauerland und nach Sylt. Organisiert wurden die Aufenthalte vom Solinger Arbeitgeberverband. Nach Sylt ging es mit dem Zug von Ohligs über Hamburg. In der Nacht ging es über den Hindenburgdamm auf die Insel und weiter mit der kleinen Inselbahn.

Um Mitternacht war das Ziel erreicht. Das Möwennest in Hörnum. Paul erinnert sich an den Strand und die vielen Wanderungen in den Dünen. Es gab damals tausende wilde Kaninchen und viel Sport in einer Halle. Aber auch viel Heimweh und jene Tragöde um die fünf Kinder aus einem anderen Heim. Die waren bei Ebbe zu weit in die Nordsee gelaufen und ertranken alle.

Die Fahrten ins Sauerland starteten an der Albrechtstraße. Dort hatte der Arbeitgeberverband damals seinen Sitz.  Die Kinder stiegen in den Bus und die Mütter winkten zum Abschied. Im Stauraum wurden Getränke und viele Kartons mit Lebensmitteln untergebracht. Bei seiner ersten Erholung im November 1954 war Paul der Kleinste von allen.

Ziel war das „Haus am Wald“ in Neuludwigsdorf bei Bromskirchen. Für Paul und Walter ein einziges großes Abenteuer. Die Mahlzeiten waren üppig und Nachschlag gab es auch. Viele Kinder sahen zum ersten Mal ein Rudel Rehe oder ein Wildschwein. Nicht so beliebt war die Höhensonne mit den dicken schwarzen Brillen. Dafür lag dem Haus gegenüber aber der Wald.

Unsere Zeitzeugen sind sich einig: es war DER Wald. Die Tannen standen so dicht, dass es am Tag dunkel war. Ein idealer Wald für Solinger Kinder die ein Bude bauen wollten.

Die Erinnerungen an diese Erholungen scheinen auch 60 Jahre später ungetrübt. Und über etwas anderes ist man sich auch einig, Kinder waren vor 60 Jahren mit weitaus weniger zufrieden. Ein Anspruchsdenken wie heute gehörte einfach nicht in diese Zeit.

Erstellt von am 22.03.2016.