Industriegeschichte: Solinger Dolche für den Führer

Solingen/ von Peter Nied – Während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933 bis 1945 hatten die Firmen der Solinger Stahlwarenindustrie prall gefüllte Auftragsbücher. Denn nicht nur NS-Organisationen wie SA, SS oder HJ verlangten nach Dienstdolchen. Auch die Wehrmacht wurde mit Millionen Bajonetten und anderen Solinger Seitenwaffen ausgestattet.

Dolch der SA aus Zwilling-Produktion / Foto: www.dienstdolch.de

Dolch für die SA aus Zwilling-Produktion / Foto: www.dienstdolch.de

Eines vorweg: Politische Einstellungen der Solinger Firmeninhaber von 1933-1945 sowie die Haltung zur Umstellung auf Rüstungsproduktion haben wir aus subjektiver Sicht an dieser Stelle nicht zu kommentieren.

Einen interessanten wie komplexen Vorgang möchten wir aber dennoch dokumentieren. Seinen zeitlichen Ursprung hatte die außergewöhnliche Dolch-Geschichte im Jahre 1933.

Beginnen wir zunächst mit der Jugend, der HJ und ihrem HJ-Fahrtenmesser, auch HJ-Dolch genannt. Das in der Form einem Bajonett ähnliche Messer wurde im Sommer 1933 bei der Hitlerjugend eingeführt. Der Dolch war ein Teil der Uniform, musste jedoch nicht zwingend getragen werden. Geht man davon aus, dass die HJ ca. 8,1 Millionen Mitglieder hatte, der Dolch aber kein Muss war, liegt die gefertigte Stückzahlschätzung bei etwa 5 Millionen. In Solingen nahmen die Aufträge unter anderem die Firmen

J. A. Henckels Zwillingswerk

Richard Abr. Herder

Eduard Wüsthof Dreizackwerk

Pumawerk (Lauterjung & Sohn)

Friedrich Herder A.S.

Karl Heidelberg

Carl Eickorn

zur Fertigung an. Diese Aufträge wurden jedoch nur durch die Reichszeugmeisterei (RZM) mit einer zugeteilten Nummer vergeben. Und eben dazu konnten die Solinger Firmen auf eigenen Wunsch eine Lizenz kostenpflichtig erwerben. Bis August 1938 trug der Dolch für Hitlers Burschen das Motto „Blut und Ehre“ auf der ersten Blattseite.

Auch die Hitlerjugend wurde mit Dolchen aus Solingen ausgestattet / Foto: Peter Nied

Auch die Hitlerjugend wurde mit Dolchen aus Solingen ausgestattet / Foto: Peter Nied

Etwas merkwürdig erscheint doch der Umstand, dass nach 1945 das Messer von christlichen Verbänden der Pfadfinder in gleicher Form übernommen wurden. Die Pastille mit dem Hakenkreuz wurde durch eine Pastille mit einer Lilie ausgetauscht.

Noch umfangreicher ging es in Solingen bei den Dolchen für SA und SS zu. Über 100 Messerfabriken im gesamten Solinger Stadtgebiet freuten sich so über prall gefüllte Auftragsbücher.

Bereits ein halbes Jahr nach der Machtergreifung durch Hitler entschied sich dessen Stabschef Ernst Röhm, die Gliederungen der SA und SS mit Dolchen auszustatten. Diese Dolche wurden unter Lizenz der RZM in 118 Betrieben fast ausschließlich in Solingen hergestellt. Der Herstellungszeitraum gliederte sich in drei Phasen, der Früh- (1933-35), Mittel- (1936-38) und der Spätvariante (1938-41).

Aufträge an die Solinger Messerschmieden wurden von der Aufträge wurden jedoch nur durch die Reichszeugmeisterei (RZM) mit einer zugeteilten Nummer vergeben

Aufträge an die Solinger Messerschmieden wurden durch die Reichszeugmeisterei (RZM) mit einer zugeteilten Nummer vergeben / Foto: Wikipedia

Professor Schmidt entwarf den Dolch nach dem Vorbild eines Schweizer Dolchs aus der Zeit um das 15. Jahrhundert. Weihnachten 1933 gab es zunächst den Weihnachtsdolch nur für hohe Leiter der SA direkt aus Solingen. Alle Dolche durchliefen, zumeist in Handarbeit, alle bekannten Produktionsschritte eines großen Messers.

Mit enormen Aufwand von Mensch und Material begann die Produktion im Januar 1934. Schon Ende des gleichen Jahres trugen 3 Millionen SA-Männer und 220.000 SS-Mitglieder diese Solinger Dolche. Im Gebiet der Klingenstadt nahm in diesem kurzen Zeitraum die Arbeitslosigkeit spürbar ab und ging regelrecht gegen Null.

Vom Führer selbst gab es großes Lob für Solingen und seine Schleifer. Frei nach der Devise „Alles für Deutschland“ erhielten die Solinger Firmen weitere Aufträge. Mit den Verfügungen 1444/34 und 1444/34 II durch Röhm war der Weg frei für 125.960 Stück Ehrendolche aus Solingen für die SA. Und es gingen Geschenkdolche sowie SA-Dienstdolche in weitere Produktion. Henckels, Eickhorn, Wüsthof und andere Betriebe hatten Hochkonjunktur.

Auch diese Dolchvariante wurde von den Braunhemden der SA getragen / Foto: www.dienstdolch.de

Auch diese Dolchvariante wurde von den Braunhemden der SA getragen / Foto: www.dienstdolch.de

Auch ganz seltene Stücke kamen aus Solingen. So der von Paul Casberg entworfene Feldherrnhalle-Dolch für Führer des Stabes. Dieser Dolch durfte nur von der Firma Eickhorn gefertigt werden. Die 6.000 Schüler der NAPOLA-Schulen (Ausbildungsschulen der kommenden Nazi Elite) erhielten ebenfalls einen Dienstdolch.

1935 gab es wieder neue Aufträge für Solinger Schneidwarenfabriken. Die Heeresleitung führte den Heeresoffiziersdolch ein. Die Auflage für diesen etwas längeren Schmuckdolch war sehr hoch und 33 Firmen gaben ihr Bestes für die Offiziere des Führers.

Dieser Dolch, ebenfalls von Paul Casberg (Eickhorn) entworfen, war wesentlich schmuckvoller als die kurzen SS- und SA-Dolche. Dieser Dolch wurde mit Portepee und einem Gehänge getragen und bestand aus Griff, Knauf, Griffring, Parierstange, Stoßleder und der Klinge.

Es gab einen Code aus drei Buchstaben und der kennzeichnete die Bajonette. Auch dieser Artikel ist ein Stück Solinger Schneidwarengeschichte. Henckels-Bajonette trugen „edg“. Ein „sgx“ stand für die Waffenfabrik Hörster. Diese Produktionreihen waren direkte Kriegswaffen Made in Solingen.

Bei Kriegsbeginn 1939 hatte das deutsche Heer eine Stärke in Millionenhöhe. Und Millionen Bajonette aus Solinger Firmen gingen mit an die Front.

Erstellt von am 30.01.2016.

Ein Kommentar Industriegeschichte: Solinger Dolche für den Führer

  1. Frank

    30/01/2016 bei 22:18

    Sehr interessant, vielen Dank.