Hebron – Besuch in einer geteilten Stadt im Nahen Osten

Israel/ Hebron liegt in der Westbank, rund 55 Kilometer südlich der israelischen Hauptstadt Jerusalem. Judäa und Samaria nennen die jüdischen Bewohner diese Region. Von Jerusalem erreicht man Hebron recht bequem im Linienbus. Besonderheit: Der Bus in die jüdische Enklave in Hebron ist mit Panzerglas gerüstet, um den Fahrgästen etwas Schutz vor möglichen Scharfschützen unterwegs zu bieten.

David Wilder ist Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Hebron. Scharfschützen nahmen vor Jahren auch sein Haus aufs Korn und haben unter anderem dieses Buch durchlöchert

David Wilder ist Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Hebron. Scharfschützen nahmen vor Jahren auch sein Haus aufs Korn und haben unter anderem dieses Buch durchlöchert

Die Medien in Deutschland berichten über Hebron und den in der Stadt ausgefochtenen Nahostkonflikt in der Regel stereotyp. Jüdische Minderheit unterdrückt arabische Mehrheit. Radikale Siedler, Nationalreligiöse, israelische Armee und Grenzpolizei üben ein Regime der Angst und des Hasses aus. Die Palästinenser sind die Opfer, die Unterdrückten und müssen unter der jüdischen Herrschaft leiden. So in etwa liest sich fast jeder Artikel in den Zeitungen bzw. schaut annähernd jede Berichterstattung im Fernsehen aus.

SPD-Chef Sigmar Gabriel besuchte vor einiger Zeit Hebron und meinte dort ein System der Apartheid entdeckt zu haben. In den zahlreichen Berichten und Fernsehbeiträgen rund um Hebron kommen leider fast ausschließlich die Palästinenser und deren Fürsprecher zu Wort. Kaum ein Journalist macht sich die Mühe, auch mal mit den rund 900 in der Innenstadt lebenden Juden zu sprechen. Etwas über deren Motivation zu erfahren, warum sie dort im Auge des Sturms ausharren. Und wie sie überhaupt an diesem Ort leben können, eingerahmt von mehr als 180.000 arabischen Palästinensern, die nicht zögern würden über sie herzufallen, wenn Armee und Grenzpolizei das nicht Tag für Tag verhindern würden.

Sitzt man im gepanzerten Bus von Jerusalem kommend, sind die Grenzen fließend. Rechts und links der Straße in den Süden tauchen immer wieder feuerrote Warnschilder auf, die israelischen Staatsbürgern untersagen, weiter in diese Richtung zu gehen. Zu gefährlich ist es dort für Israelis. Für Juden. Über den israelischen Vorort Kiryat Arba kommt man ins Zentrum Hebrons. Ins jüdische Zentrum Hebrons. Etwas mehr als eine Stunde ist man von Jerusalem unterwegs.

Der Bus durchfährt zwar die Westbank, ist aber nie direkt auf dem Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA). Dieses erstreckt sich rechts und links der Hauptstraße nach Süden. Deshalb die Warnschilder. Die Straße mutet wie ein stark gesicherter Schlauch an, den zum Teil auch Palästinenser mit ihren Fahrzeugen befahren. Der Weg ist gesäumt von zahlreichen Checkpoints der Armee.

Da die Grenzen gerade in den Außenbezirken verschwimmen und die dort lebenden israelischen Staatsbürger nicht alle ein Auto haben, müssen vor allem die jüngeren Israelis auf die öffentlichen Verkehrsmittel zurückgreifen. Das wurde drei Yeshiva-Studenten im Frühjahr 2014 zum Verhängnis, als sie keinen Bus mehr bekamen und auf eine Mitfahrgelegenheit in einem Pkw hofften. Hamas-Terroristen entführten die drei bei Hebron und ermordeten sie. Das war der Auftakt zum Gazakrieg von vor zwei Jahren.

Blick auf Hebron und die Höhle der Patriarchen vom Hügel des alten Tel Hevron aus fotografiert. Rund 200.000 Menschen sollen in Hebron selbst und den Vororten leben. Genaue Zahlen sind unbekannt. Hebron ist eine der ältesten Städte der Welt

Blick auf Hebron und die Höhle der Patriarchen vom Hügel des alten Tel Hevron aus fotografiert. Rund 200.000 Menschen sollen in Hebron selbst und den Vororten leben. Genaue Zahlen sind unbekannt. Hebron ist eine der ältesten Städte der Welt

Besucht man Hebron an den Feiertagen, dann tummeln sich dort noch mehr religiöse Menschen, als das sonst schon der Fall ist. David Wilder ist Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Hebron. Unterwegs in seinem Auto durch sein Hebron, beginnt der gebürtige US-Amerikaner zu erzählen. Oben auf einem Hügel, im alten Tel Hevron, ist die Keimzelle jüdischer Geschichte der Stadt. Für das Judentum ist Hebron neben Jerusalem eine der wichtigsten Städte überhaupt.

Denn in der Höhle der Patriarchen sind biblischer Überlieferung nach die Erzväter – bzw. die Erzeltern Abraham und Sarah, ihr Sohn Isaak und seine Frau Rebekka sowie deren Sohn Jakob und seine Frauen Lea und Rachel – begraben. Hebron war für die Juden immer wichtig. Und es lebten immer Juden in Hebron. Lange bevor der Islam überhaupt zu existieren begann. David Wilder erklärt weiter, dass es nur zwei kurze Phasen gab, während derer in Hebron keine Juden lebten. Das war während der Zeit der Kreuzfahrer im 12. und 13. Jahrhundert. Und zwischen 1929 und 1967.

1929 hatten Araber in Hebron ein Massaker an ihren jüdischen Nachbarn verübt, deren Besitz zerstört und ihr Land übernommen. 67 Menschen wurden ermordet. Die britische Mandatsregierung evakuierte daraufhin die überlebenden jüdischen Bewohner Hebrons und ließ sie aus Sicherheitsgründen auch später nicht zurück. Die jordanische Regierung, die Hebron seit 1948 regierte, untersagte Juden die Wiederansiedlung und das Betreten von haMachpela, der Höhle der Patriarchen.

Erst 1967 konnte jüdisches Leben nach Hebron zurückkehren, nachdem Israel während des Sechstagekrieges die Westbank eingenommen hatte. Seitdem sind sie geblieben und haben auch nicht vor wieder zu gehen. Für viele Beobachter im Westen – Journalisten, Politiker und auch die zahllosen Nahost-Experten – halten sich Juden heute unrechtmäßig in Hebron auf.

Unterwegs mit David Wilder in der jüdischen Enklave Hebron. Die Israelis haben sich hier eingerichtet und werden nicht gehen. Das unterstrichen alle Gesprächspartner. Was man nicht sieht: Überall befinden sich Posten der Armee, die auf Leib und Leben der Juden Hebrons aufpassen müssen

Unterwegs mit David Wilder in der jüdischen Enklave Hebron. Die Israelis haben sich hier eingerichtet und werden nicht gehen. Das unterstrichen alle Gesprächspartner. Was man nicht sieht: Überall befinden sich Posten der Armee, die auf Leib und Leben der Juden Hebrons aufpassen müssen

Im alten Tel Hevron oben auf dem Hügel fanden in der Vergangenheit archäologische Ausgrabungen statt. Auch derzeit wird dort fleißig gebuddelt. An einer Stelle wurden Teile der antiken Stadtmauer und sogar alte Fußböden ausgegraben. Die Araber vor Ort quittieren die Bemühungen der Juden, ihre Geschichte in Hebron aufzuarbeiten, auf ihre ganz eigene Weise. Beispielsweise nutzen sie einige Ausgrabungsstätten als Müllhalde.

David erzählt, dass die jüdische Gemeinde quasi keinerlei Kontakt zu ihren arabischen Nachbarn hat. Es finden weder Gespräche statt, noch kommt man sich zu sonstigem Austausch in irgendeiner Form näher. Ein mehr als bedenklicher Zustand, wenn eine direkte Begegnung beider Bevölkerungsgruppen nur noch in der tätlichen Auseinandersetzung stattfindet. Inmitten dieser unübersichtlichen Gemengelage steht die Armee. Überall im jüdischen Wohnbezirk stehen junge Soldaten Wache oder patrouillieren.

Jeder ist sich bewusst, dass ohne bewaffnete Truppen auf der Wacht ein jüdisches Leben in Hebron heute unmöglich wäre. Hebron ist zwar durchaus eine geteilte Stadt. Aber nicht vergleichbar mit dem Berlin des Kalten Krieges beispielsweise. Die Palästinenser bewohnen mehr als 95 Prozent des Stadtgebietes (H1). Der Rest ist für die Juden. In der Zone H2 laufen sich beide Gruppen sogar mal über den Weg.

Araber quittieren die archäologischen Ausgrabungen der Israelis auf ihre Art und laden beispielseise ihren Müll dort ab. Die Araber Hebrons versuchen alle Ausgrabungen so gut wie möglich zu stören oder ganz zu verhindern. Sie haben Angst davor, dass Fundstücke zutage kommen, die ein jüdisches Hebron belegen und damit den Anspruch der Juden unterstreichen. Ähnliches spielt sich in Jerusalem am Tempelberg ab

Araber quittieren die archäologischen Ausgrabungen der Israelis auf ihre Art und laden beispielseise ihren Müll dort ab. Die Araber Hebrons versuchen alle Ausgrabungen so gut wie möglich zu stören oder ganz zu verhindern. Sie haben Angst davor, dass Fundstücke zutage kommen, die ein jüdisches Hebron belegen und damit den Anspruch der Juden unterstreichen

Im Gemeindehaus Beit Hadassah befindet sich das Museum der Jüdischen Gemeinde Hebrons. Dort lebt Familie Wilder und bewohnt gleich mehrere Wohnungen in den oberen Stockwerken. Das Wohnzimmer der Familie wirkt wie eine gut sortierte Bibliothek Judaica. Im Gespräch machte David Wilder einen abgekämpften Eindruck. Es war ihm während seines jahrelangen Engagements nur selten möglich, auch die Sicht der jüdischen Bevölkerung einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, so der in New Jersey geborene Lehrer.

Auch wenn er immer Besuch aus der ganzen Welt empfängt, darunter Journalisten und ranghohe Politiker, war seine Sicht der Dinge nur selten gefragt. Viel zu oft kämen Menschen zu ihm, die eine Meinung bereits im Gepäck hätten. So erinnerte er sich an Politiker aus Deutschland, die ihm demonstrativ den Handschlag verweigert hätten.

Bei David Wilder zu Hause. Während der beiden Intifada standen die Juden in Hebron unter Beschuss. Und zwar sprichwörtlich. Dieses Fenster musste Familie Wilder mit Sandsäcken absichern, da die Palästinenser damals auf die Fenster der jüdischen Häuser schossen...

Bei David Wilder zu Hause. Während der beiden Intifada standen die Juden in Hebron unter Beschuss. Und zwar sprichwörtlich. Dieses Fenster musste Familie Wilder mit Sandsäcken absichern, da die Palästinenser damals auf die Fenster der jüdischen Häuser schossen…

...und auch oft genug gefährlich nah kamen. Dieses projektil landete im Schlafzimmerschrank der Familie

…und auch oft genug gefährlich nah kamen. So landete unter anderem ein Projektil im Schlafzimmerschrank der Familie

An ein Gespräch war nicht zu denken, auch wenn er immer den Kontakt suchen würde. „Ich erkläre unsere Belange immer sehr ruhig und auf einer sachlichen Ebene. Auch wenn mein Gegenüber dabei sehr emotional reagiert“, macht David deutlich. Aber auch andere Besucher würden den Weg in die Stadt finden. Wie seinerzeit Gäste der Adenauerstiftung, die sich sehr interessiert auch für das jüdische Hebron zeigten.

Das Schlafzimmer musste die Familie während der Intifada mit Sandsäcken absichern. Palästinenser schossen auf die Fenster der jüdischen Häuser. Die Einschläge hat David konserviert. Ein Geschoss landete in seinem Schlafzimmerkrank. Weitere im Flur der Wohnung. Ein anderes durchlöcherte Bücher in einem Regal. Zu jener Zeit lebten auch seine Kinder in der Wohnung.

Oder die Geschichte von Tzippy Shlissel. Ihr Vater – Rabbi Shlomo Ra’anan – wurde im August 1998 von einem Araber in seiner Wohnung erstochen. Der Täter wurde gefasst, ist aber wieder auf freiem Fuß, da er zusammen mit rund 1.000 anderen palästinensischen Terroristen gegen den über Jahre als Geisel in Gaza gefangenen israelischen Soldaten Gilad Shalit ausgetauscht wurde.

Tzippy Shlissels Vater – Rabbi Shlomo Ra’anan – wurde 1998 von einem Terroristen in seiner Wohnung erstochen

Tzippy Shlissels Vater – Rabbi Shlomo Ra’anan – wurde 1998 von einem Terroristen in seiner Wohnung erstochen

Ob sie sich nach dieser Tragödie überhaupt noch vorstellen könnte, in Frieden mit den Palästinensern Tür an Tür zu leben. Natürlich, gibt sie zur Antwort. Wenn diese den Frieden wollen und aufhören würden, die Juden zu hassen.

Zurück bei David betont dieser nicht ohne Stolz, dass nur sehr wenige Juden aus Hebron weggezogen seien, als es richtig brenzlig wurde. Denn sie alle standen permanent unter Beschuss. „Dieser Beschuss hat doch nur das Ziel, uns hier zu vertreiben. Jede Rakete auf Tel Aviv hat das Ziel, die Israelis aus Israel zu vertreiben“, meint David. Dem wolle man sich nicht beugen. Auch seine zahlreichen Kinder und Enkel leben in Hebron und sind zum Teil direkte Nachbarn von Papa/Opa Wilder. Wie stellt sich David die Zukunft für seine Gemeinde vor?

Eine Frage, die ihn nachdenklich machte. Ihm war es deutlich anzumerken, dass er seine Ziele im Lauf der Jahre immer weiter zurückstecken musste. So würde es ihm heute fast schon genügen, wenn auch die Israelis in Hebron ein Haus bauen dürften oder etwas Land kaufen könnten. Denn all das ist momentan nicht möglich. Auf der einen Seite die Palästinensische Autonomiebehörde, die arabischen Bürgern per Gesetz verbietet, Land an Juden zu verkaufen.

Die Urväter Abraham, Isaak sowie Jakob und deren Gattinnen Lea, Rebekka und Sara sind der Überlieferung nach in der Höhle der Patriarchen begraben. Diese ist dem Islam ebenso heilig, wie dem Judentum. Deshalb teilen sich beide Religionen das Heiligtum / Fotos (8): B. Glumm

Die Urväter Abraham, Isaak sowie Jakob und deren Gattinnen Lea, Rebekka und Sara sind der Überlieferung nach in der Höhle der Patriarchen begraben. Diese ist dem Islam ebenso heilig, wie dem Judentum. Deshalb teilen sich beide Religionen das Heiligtum und oft genug ist das wuchtige Gebäude Anlass für Auseinandersetzungen / Fotos (8): B. Glumm

Dort die israelische Regierung, die unschlüssig ist, wie sie mit den Hebroner Juden umgehen soll. Einerseits sichert sie mit Waffengewalt die Präsenz der Juden in Hebron, da sie sich bewusst ist, wie wichtig der Ort für alle Juden ist. Andererseits verbietet die Regierung eine Ausbreitung der jüdischen Enklave mitten in der Stadt. Wohl wissend, dass jeder falsche Schritt in Hebron internationale Auswirkungen hat. Mit Argusaugen schaut die Welt auf Hebron. Und schlechte Presse hat Israel genug. Entsprechend eng kann einem die jüdische Wirklichkeit in Hebron vorkommen.

Aus Hebron raus kommt man auf die gleich Weise, wie man reinkommt. Über eine Bushaltestelle. Übrigens: Ohne Probleme können westliche Besucher in Hebron durch den Checkpoint der Armee rüber auf die arabische Seite der Stadt. Und selbstverständlich auch wieder zurück. Ein Reisepass genügt. Von Jerusalem fahren arabische Busse das palästinische Hebron auch direkt an. (bgl)

Fotos der Galerie: Bastian Glumm

Erstellt von am 17.01.2016.