Kinderschänder-Aktionismus ist Nazi-Propaganda

Der sexuelle Missbrauch von Kindern ist ein hochemotionales Thema. Jeder vernünftige Mensch empört sich darüber – teils so sehr, dass jede Vernunft abhanden kommt. Rechtsextreme nutzen diese hochgradie Empörung, um auf sich und ihre Hetze aufmerksam zu machen. Mit Erfolg. Auf Facebook fordern sie seit Okotber 2012 “1.000.000 Stimmen gegen Kinderschänder“. Stichtag: 28. Januar 2013. Über 700.000 Facebook-Nutzer haben sich zu dieser “Veranstaltung” angemeldet. Doch “veranstaltet” wird nichts als “ein starkes Zeichen zu setzen”. Das Ziel ist, Interesse für Hetz- und Hassparolen der Rechtsextremen zu fördern.

Von Hardy Prothmann

“Kinderschänder” sind das Thema für Rechtsextreme. Was fachsprachlich “sexueller Missbrauch” genannt wird und wo seriöse Experten von “Betroffenen” sprechen, um diesen eine weitere “sprachliche Misshandlung” als “Opfer” und die “Schande” zu ersparen, zielen Rechtsextreme genau darauf ab.

Sie organisieren “Mahnwachen“, informieren angeblich bei Vorträgen zum Thema oder nutzen soziale Netzwerke wie Facebook, um über das Thema für ihre anderen Botschaften empfänglich zu machen. Wer sich auf solche Angebote einlässt, wird schnell mit der Ideologie dahinter konfrontiert: Forderungen nach der Todesstrafe, Lynchjustiz, ausländerfeindliche Parolen und Hassbotschaften aller Art.

Eindeutige Nazi-Seite

Hinter der “1.000.000 Stimmen”-Veranstaltung steht die Seite “Deutschland gegen Kindesmissbrauch“. Im Untertitel: “Keine Gnade für Kinderschänder. Im Infobereich der Seite wird man deutlich: “auch die Diskussion über die Todesstrafe darf kein gesellschaftliches Tabu sein”. Und weiter: “Unabhängig vom Sachverhalt fordern wir alle Diskussionsteilnehmer auf Gewaltphantasien und die Forderung nach Selbstjustiz zu unterlassen.” Doch genau das Gegenteil ist der Fall – auf der Seite wimmelt es nur so von gewalttätigen Fantasien gegen “Kinderschänder”.

Die “Todesstrafe für Kinderschänder” liegt in der Gunst weit vorne. Über das Empörungsthema “Kindesmissbrauch” versuchen Rechtsradikale auf sich aufmerksam zu machen. Quelle: Facebook-Seite von “DeutschlandgegenKindesmissbrauch”

Die “Todesstrafe für Kinderschänder” liegt in der Gunst weit vorne. Über das Empörungsthema “Kindesmissbrauch” versuchen Rechtsradikale auf sich aufmerksam zu machen. Quelle: Facebook-Seite von “DeutschlandgegenKindesmissbrauch”

Die Seite erstellt Umfragen wie “Welche Strafe für Kinderschänder?”. Erste Wahlmöglichkeit ist die Todesstrafe, die mit knapp 1.000 Wertungen weit vor “Lebenslange Haft + Schwerstarbeit” rangiert. Immer wieder wird die Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland ins Visier genommen und es werden “härtere Gesetze” und “härtere Strafen” gefordert. Der Staat sei korrupt, faul, die Justiz eine “Kuscheljustiz”, die “die Täter statt die Opfer schützt”. Seitenbesucher kommentieren beispielsweise so: “Auch ich kann das nicht beschreiben, was ich für solche Verbrecher empfinde. Haß ist hier zu wenig!” Hass ist also noch zu wenig? Was hätte dieser Kommentator denn gerne mehr? Den “totalen Hass”?

Straftäter werden an anderer Stelle als “biologischer Sondermüll” bezeichnet und immer wieder wird der Anschein erweckt: “Wir sind die einzigen, die was gegen diese Bestien tun.” Dass solche Behauptungen menschenverachtend sind und nicht den Tatsachen entsprechen, ist egal. Über die Emotionalisierung erreichen die Rechten die Aufmerksamkeit, die sie haben wollen. Dazu gehört auch: “Deutschland braucht deutsche Kinder.”

Von der Emotionalisierung in die Radikalisierung

Auch viele Leserinnen und Leser unserer Blogs und einige meiner persönlichen Facebook-Kontakte befinden sich unter den “Teilnehmern”. Ebenso Politiker demokratischer Parteien, die den Nazis auf den Leim gehen. Recherchen verschiedener Antifa-Grupen zeigen auf, dass vermutlich NPD-Mitglieder aus Baden-Württemberg hinter der Aktionsseite stecken. Eine direkte Verbindung wird bewusst vermieden, weil das den Erfolg klar einschränken würde. Wer will schon die NPD unterstützen? Berichte über solche Verbindungen werden auf der Seite sofort als “dreiste Lügen” abgetan.

Der Umweg hin zu rechtsradikalen Positionen läuft über die Radikalisierung. Wer sich für die Todesstrafe ausspricht und gegen die “Scheiß-Justiz” ist, macht sich auf den Weg in Richtung brauer Sumpf. Wer sich interessieren lässt, wird fortan garantiert mit Informationen über mutmaßliche Verbrecher aller Art versorgt – bevorzugt ausländische. Und allem, was zeigt, dass der Staat “aufrechte Deutsche” verfolgt und unterdrückt, während Verbrecher geschont werden. Der Staat ist aus der rechtsradikalen Sicht heraus folglich ein “Unrechtssystem” und muss abgeschafft werden. Dazu gibt es jede Menge Verweise auf andere rechtsradikale Seiten und auch die neue rechte Bewebung “Die Identitären”.

Die braune Soße, bei der viele mitmachen und sich vermutlich dabei selbst nicht als rechtsradikal einstufen werden, ist eine Mischung aus Alarmismus, Frustventil, “Wir gegen die”, “unten gegen oben” gewürzt mit ordentlich Empörungspotenzial. Und man ist einer von sehr vielen, die gegen “Kinderschänder” sind. Man ist also “gut” und auf der richtigen Seite – solange, bis man feststellt, dass man längst auf der rechten Seite angekommen ist.

Ein ähnliche Seite wurde 2011 von Facebook nach massiven Protesten von anderen Nutzern gelöscht – die Rechtsradikalen lernen und verpacken ihre Botschaften so, dass sie gerade noch “zulässig” sind. Und selbstverständlich dienen diese “Informationen” keiner Partei, sind vollständig “unpolitisch” – auch das wird gebetsmühlenartig behauptet.

Die Gehirnwäsche über das Thema “Kindesmissbrauch” läuft auch musikalisch, die Nazi-Sängerin und NPD-Mitglied Anett Müller schafft es mit ihrem Lied “Wir hassen Kinderschänder” schafft es bei youtube auf über 1,1 Millionen Aufrufe.

Aufklärung, konkrete Hilfen, Lösungsvorschläge – all das bieten diese Seiten nicht. Außer man betrachtet “abschneiden” und “Todesstrafe” als geeignete “Endlösung”.

Hardy Prothmann ist Journalist aus Baden Würtemberg und Herausgeber des Rheinneckarblogs. Darüber hinaus organisiert er mit dem Netzwerk istlokal.de einen Verbund von lokalen und regionalen journalistischen Angeboten, die unabhängig von Zeitungsverlagen umfassend vor Ort informieren.

Anm. d. Red.: Wer sich tiefer mit dem Thema beschäftigen möchte, findet hier weitere Informationen. Hinweis: Wir machen uns die Inhalte nicht zu eigen:

Indymedia

Facebook-Seite: Bürgerinnen und Bürger gegen extreme Rechte

Scharf-Links.de

Endstation-Rechts.de

Netz-gegen-Nazis.de

blog.zeit.de

Info-Broschüre der Amadeu-Antonio-Stiftung

Erstellt von am 27.01.2013.

4 Kommentare Kinderschänder-Aktionismus ist Nazi-Propaganda

  1. andreas

    27/01/2013 bei 23:45

    Ohooooo, die Antifa hat recherchiert. Na dann kann es ja nur richtig sein
    Aber wie Sie selbst schreiben
    Ziitat:
    „zeigen auf, dass vermutlich NPD-Mitglieder aus Baden-Württemberg hinter der Aktionsseite stecken“,
    Zitat Ende
    stecken hier VERMUTLICH NPD Mitglieder hinter.
    Gem. Ihrer Überschrift ist es aber schon Nazi Propaganda.
    Warum ist man denn gleich rechtsradikal, wenn man für härtere Strafen plädiert und einen besseren Opferschutz fordert?
    Warum ist man auf dem Weg zum „rechten Sumpf“, wie Sie es nennen, wenn man für die Todesstrafe ist?
    Ich bin es, bin ich jetzt für Sie auch rechtsradikal?
    Übrigens
    Zitat
    „Und man ist einer von sehr vielen, die gegen “Kinderschänder” sind.“
    Zitat Ende
    Ich bin auch gegen Kinderschänder.
    Zusammen mit meiner Pro Todesstrafe Einstellung also ganz sicher ein Rechtsradikaler – in Ihren Augen

    Solange Sie keine Beweise – nicht Vermutungen von Linksradikalen – haben, sollte so ein Bericht unterbleiben, oder zumindest sachlicher verfasst werden.
    Ansonsten muss ich Ihnen die Zugehörigkeit zum Linksradikalismus vorwerfen

    • Lars

      29/01/2013 bei 23:43

      Hallo Andreas,

      warum denn so aggressiv ?
      Scheinbar haben Sie nicht verstanden um was es dem Verfasser des Berichtes geht…
      Und Ihr Eintreten für die „Todesstrafe“ in Deutschland zeigt ja nun auch recht deutlich, wessen Geistes Kind sie sind…
      Ich erspare mir an dieser Stelle, Ihnen Begriffe wie „Rechtsstaatlichkeit“, „Freiheitlich demokratische Grundordnung“ oder „Menschenwürde“ zu erläutern.
      Denken Sie doch einfach nochmal in Ruhe über Ihre Aussagen nach und schämen Sie sich.

      • andreas

        20/02/2013 bei 15:11

        Hallo Lars

        Aggressiv? Nein, nur empört das hier einseitig recherchiert wurde. Das die antifa eigentlich die größten Faschisten sind, dürfte eigentlich inzwischen jedem klar sein.
        Und wie in Ihrem Beitrag ja deutlich herauszulesen, sind alle die die Todesstrafe befürworten ja scheinbar rechts, oder was meinen Sie mit „Geistes Kind“?
        Wenn Sie von Menschenwürde sprechen, frage ich Sie, was ein Täter wohl über Menschenwürde gedacht hat als er die Tat begann und ob er Rechtsstaatlichkeit und Freiheitlich Demokratische Grundordnung erklärt bekam.
        Nein, ich schäme mich nicht im geringsten.

  2. Lars

    22/02/2013 bei 01:06

    Interessant, dass Sie wissen wie der „Solinger-Bote“ recherchiert lieber Andreas. Nun gut. Ich habe aber weder die Rolle der Antifa noch die rechter Gruppierungen angesprochen. Die Aussage mit dem „Geisteskind“ muss ich allerdings revidieren, Sie scheinen leider keinen Geist zu haben, anders sind Ihre wiederholten verbalen Entgleisungen kaum zu verstehen. Es ging mir einzig und allein um die Grundsätze der verfassungsmäßigen Rechtsstaatlichkeit in Deutschland. Ich erspare mir hier allerdings alles zu wiederholen, was ich bereits zwei Meldungen weiter oben gepostet habe. Lesen Sie es doch einfach nochmal durch. Ich wünsche Ihnen, dass Sie es doch noch verstehen.