Von armen Banken, ratlosen Parteien und dem gemeinen Wahlvolk

Von Detlef Obens Bonitas ist Latein und bedeutet „Vortrefflichkeit“. Heutzutage sagt man Bonität. Und gemeint ist eine Vortrefflichkeit in der Finanzwirtschaft, also im Umgang mit Geld und Vermögen. Das betrifft ganze Länder ebenso, wie jeden einzelnen Bürger, jede einzelne Bürgerin. Das Individuum wird eingeteilt in gute, mittelmäßige oder gar schlechte Bonität. Während die so genannte Bonität bei Staaten heutzutage durch Ratingatenturen ermittelt werden, wird dies beim normalen Deutschen vornehmlich durch auskunftgebende Dateien, wie der SCHUFA, vorgenommen.

 

Und hier bereits fangen Unterschiede an, die teilweise unerklärbar sind. Während maroden Staaten, wie aktuell Griechenland, trotz miserabler Bonität, Milliarden durch die anderen Euro-Mitgliedsstaaten angewiesen werden, hat das einzelne Individuum in ähnlicher schlechter Finanzlage so gut wie keine Chance, auch nur einen Euro auf Kredit zu erhalten. Jede deutsche Bank wird bei einem negativen SCHUFA-Eintrag, oder eines schlechten Scorewertes, eines Kreditstellers mit rümpfender Nase diesem einen „Guten Tag“ wünschen und die Anfrage im Keim ersticken. Obgleich auch sie, die Banken, massgeblich durch Größenwahn und unvorstellbarer Geldgier, ursächlich mit daran gewirkt haben, dass die deutsche und europäische, gar weltweite, Lage der Finanzmärkte so ist, wie sie derzeit ist.

Jene Banken, die finanziell notleidenden Geldsuchenden die Ausgangstür weisen, waren es aber auch, die als Bittsteller bei der damaligen Berliner “Großen Koalition” anklopften und dort großherzig einen Milliarden-Euro-Rettungsschirm für sich und ihre führenden Köpfe in die Hand bekamen. Während sich einige Banken-Gierschlünder nun komfortabel, und auf lange Sicht, zur Ruhe setzen konnten, wurden auf Arbeitnehmerseite sogenannte Konsolidierungsmaßnahmen ihrer jeweiligen Banken durchgeführt, welche den Bankangestellten die Arbeitsplätze weg rationalisierten. Der normale Durchschnittsbürger ist überfordert darin, hier eine konsequente und sozial nachvollziehbare Handlungsweise zu erkennen.

Ist es wirklich in unserer Demokratie so, dass man die Kleinen hängt, während man die Großen laufen lässt?„Fällt der Euro, fällt Europa!“, sagt Bundeskanzlerin Merkel. Wieso?, fragt sich da so mancher. War es nicht eher so, dass mit der D-Mark die Wirtschaft in unserem Lande boomte, der Arbeitsmarkt prosperierte, die Auto- und Touristikindustrie florierte und die Sparguthaben wuchsen? Und war es für viele Bundesbürger nicht auch so, dass der Euro als eher lästig empfunden wurde? Das viele Menschen der Meinung waren und sind, dass die Teuerungsrate der Waren und Güter seit Einführung des Euros gestiegen sei, dass das Geld im Portemonnaie immer schneller weniger wird?  Nun ist es aber der Euro, der segensreich über uns kam und damit Europa erst zu dem machte, was sich so manche Staatsmänner vorgestellt hatten, vermittelt uns die Politik. Wenn dem so ist, erreicht diese Botschaft das Wahlvolk nicht. Zumindest nicht in großer Zahl.

Die sozialen Scheren, die finanziellen Ungerechtigkeiten, nehmen, nicht nur gefühlsweise, stetig zu. Das Euro-Debakel ist mittlerweile auch zum Merkel-Debakel geraten. Viele Menschen verstehen die Zusammenhänge nicht mehr. Begriffe wieHedgefondsRatingagenturen oder gar die ominösen Märkte, (was sind sie überhaupt?), verwirren uns Normalbürger. Sind höchstens noch Begrifflichkeiten von Ökonomen und Volkswirten, bzw. Begehrlichkeiten von Bänkern und Managern. Eine ARD-Jauch-talkende Merkel mag zwar ihr eigenes Wissen dazu eloquent und lächelnd von sich geben, aber gleichzeitig auch ahnend, dass vor den Bildschirmen viele Zuseher ein großes Fragezeichen vor den Augen haben. Wie sollen sie es auch verstehen? Während sie täglich arbeiten um die Volkswirtschaft am Laufen zu halten, wird rings um sie herum, mit den von ihnen mit-erwirtschafteten Milliarden jongliert. Während sie am Monatsende dem nächsten Gehalt entgegensehnen, sind andere, trotz der vielzitierten Krise, auf der finanziellen Gewinnerstrasse und haben das Problem, ob sie sich ein Auto mit Stern oder springender Raubkatze auf der Kühlerhaube als nächsten Zweitwagen zulegen sollen.

Klassenkampf, ein alter Begriff zur aktuellen Zeit, erwächst aus der sozialen Unzufriedenheit der Menschen heraus. Aus dem Unverständnis der vorherrschenden Verhältnisse über das eigene Dasein. Ursprünglich mal ein historischer Kampfbegriff  der politischen Linke, scheint es heute eine neue Blüte, auch jenseits parteipolitischer Ausrichtung zu werden. Jedenfalls konnte die Linkspartei aus der gegenwärtigen Lage keinen Gewinn erwirtschaften. Im Gegenteil, diese deutsche Linke ist im freien Fall in der Wählergunst.

Unsere Regierung, unsere Parteien, liefern zwar ihre jeweils eigenen Konzepte gegen die allgemeine “krisenbedingte” Unzufriedenheit, führen uns und der allgemeinen Finanzlage aber nicht den entscheidenden Lösungen der Probleme zu. Statt hier, bei einem existenziellen Problem und alle angehenden Thema, staatstragende Einigkeit über Parteigrenzen hinweg zu bewerkstelligen, wird die Krise zum Wahlkampfthema Nummer 1. Das Schicksal des Euro wird damit zum Schicksal der Parteien. Alle Parteien, gleich ob in der Regierung oder in der Opposition, müssen sich aber vorhalten lassen, eines sträflichst zu vernachlässigen: Die notwendige und jedermann verständliche Aufklärung über die derzeitige Finanzkrise ihrem Wahlvolk zu vermitteln. Während keine Nachrichtensendung vergeht, in der den Zuschauern die jeweiligen Milliardenhilfen nur so um die Ohren gehauen werden, verbessert sich deren Situation nicht. Eher das Gegenteil ist der Fall.

„Wir müssen den Gürtel alle enger schnallen“, sagen die politisch Verantwortlichen. Wohlwissend, dass die meisten schon bereits das letzte Loch ihres Gürtels erreicht haben.

Eure Krise ist nicht meine Krise! Dieser Ansicht sind immer mehr Menschen. Im Vertrauen, die richtige Partei gewählt zu haben, die „es schon richten wird“, spüren diese Wählerinnen und Wähler immer mehr, dass sie Sprüchen und allgemeinen Worthülsen auf den Leim gegangen sind und werden zu potentiellen Nichtwählern. Dann sagen die Parteien „Wir müssen vermehrt in das Lager der Nichtwähler eintauchen um sie wieder zu erreichen!“. Hier ist der arroganten Dümmlichkeit aufgrund eigenen Machterhaltes offenbar keine Grenze gesetzt. Individuen zu erreichen ohne sie zu verstehen und ihnen zuzuhören, erscheint mir als ein erfolgloses Unterfangen.

Daher komme ich zum Beginn zurück. Der so genannte „normale Bürger, die normale Bürgerin“ hat im Alltagsleben mit viel zu vielen Auflagen, Bestimmungen und Verordnungen zu kämpfen, so dass oftmals persönliches Engagement, auch beruflicher Natur, auf der Strecke bleiben. Der tägliche Kampf ums eigene Geld wird zusehends härter. Einmal in finanzielle Notlage geraten, dazu eventuell noch einen negativen Eintrag bei der SCHUFA erhalten zu haben, ist dann für viele das soziale Aus und die körperlich gefühlte Abgrenzung vom Leben. Aber sie sollen und müssen verstehen und gefälligst lernen, dass sie nun eben so leben müssen, wie sie es gerade tun. Ihre Bonität ist schlecht, auch wenn sie mal ganz anders war. Einen Rettungsschirm der Regierung gibt es für sie nicht, denn die Gelder sind doch knapp! Was übrig ist, wird aber in Länder investiert, deren Bonität so grottenschlecht ist, dass es eigentlich auf nichts mehr ankommt. Denn das ist, so sagen sie- die Politiker, uns,  gut investiertes Geld für unser aller Zukunft. Geld, was uns alle vor der drohenden Eurokrise bewahren würde. Geld, welches gut für Europa sei.

Das finanzielle Netz der Bundesregierung für angeschlagene Banken und Staaten ist fein und fest gewebt, da fallen sie nicht durch. Das der eine oder andere deutsche Steuerzahler am Netz vorbei ins Bodenlose fällt, ist zwar bedauerlich, aber kommt vor. Schliesslich hat er dann auch nichts verstanden. Von Wirtschaft, von Krise, von Märkten und erkrankten Banken.

Die Hilfe fängt beim Starken an? Viele sehen es so und deshalb hat die Politik versagt! Und eine SCHUFA-Klausel für Regierungen und Parteien gibt es nicht. Obwohl der Gedanke schon reizvoll wäre. Aber: Unterschiede müssen nun mal sein, ob sie das Wahlvolk versteht oder auch nicht. Und Geld ist da, damit es ausgegeben wird. Auch gültig, wenn überhaupt keins mehr da ist. Das soll einer verstehen?! Wohl kaum, denn dafür sorgt die Politik.

Detlef Obens ist freier Journalist und Redakteur für Politik bei XtraNews

Erstellt von am 09.10.2011.

Ein Kommentar Von armen Banken, ratlosen Parteien und dem gemeinen Wahlvolk

  1. Dorena

    11/10/2011 bei 10:19

    Der Artikel spricht mir aus der Seele. Gruss Dorena